Meine Mutter war Borderlinerin.
Hardcore-Borderlinerin.

Viele Bücher über diese Erkrankung schildern fast alles, was ich in meiner Kindheit miterlebt habe. Trotzdem war meine Mutter meine größte Liebe. Wie es eine Mutter eben nunmal ist. Nur konnte sie mich nicht gehen lassen, es nicht zulassen, dass ich mich abnabelte. Abnabeln, so wie es ein Kind im Laufe seiner Entwicklung muss, um gesund groß werden zu können.

Aber sie konnte es nicht. Sie brauchte mich mehr als es gut für ein Kind ist. Und daran hat sie nicht mal wirklich schuld. Schuld hatte sie viel mehr daran, dass sie sehr früh sich selbst aufgegeben hat. Aber wenn ich dann wieder bedenke, was ihr so alles an schlimmen Dingen passiert ist, kann ich es auch wieder nachfühlen. Meine Mama hatte keine Chance gehabt. Keine Chance gegen die Grausamkeit, die ihr in ihrem kurzen Leben entgegengeschlagen ist.
Und trotz all dem, hat sie mir gelehrt, dass im übelsten Sumpf noch ein Funke Hoffnung und Freude versteckt sein kann.

Man fragte mich vor kurzem, ob ich vor Publikum nicht über die positiven Seiten mit einer Borderlinemutter berichten will. Letztlich kann ich es nicht. Ich bin dafür die falsche Person! Mit meiner Mama gab es natürlicj sehr schöne Momente, wie Schimpfwörter erfinden oder die Möwe Jako auf Borkum suchen und sie mit Croissants füttern. Meine Mutter war ein sehr kreativer und fantasievoller Mensch. Etwas, was sie bei mir in ihrem möglichen Rahmen auch gefördert hat. Aber das war es auch schon. Diese schönen Momente sind mir heilig.

Aber meine Kindheit mit meiner Mama war letztlich auch (Nicht ausschließlich!!!) ein Grund, aus dem ich mich gegen eigene Kinder entschieden habe. Meine Kindheit war schrecklich. Ich wusste nie, ob meine Mama noch lebte, wenn ich aus der Schule kam oder ob ihre Hände wieder voller Brandwunden waren. Wie viele Medikamente sie im Blut hatte und nicht nur einmal musste ich den Arzt anrufen und um Hilfe für sie bitten. Hilfe, die sie nicht annahm.
Sie verhungerte vor meinen Kinderaugen und ich verlor sie so früh.

Zu früh.
27 Jahre ist zu früh!!!
Es gibt so viele Fragezeichen in ihrer Geschichte, die für mich sogar heute noch wichtig wären, gelöst zu sein. Ich weiß bis heute nicht, ob mein Großvater sie wirklich sexuell missbraucht hat. Der Opa, den ich als Kind vergötterte und den auch sie so sehr liebte.

Ich liebe meine Mama, aber ich bin letztlich (und bitte verteufelt mich dafür nicht) dagegen, dass Menschen, die so krank sind, wie meine Mama es war und untherapiert sind, Kinder großziehen. Oder aus den falschen Gründen bekommen. Zum Beispiel, um das eigene Leben in den Griff zu bekommen. Das Kind wird schließlich nicht gefragt, ob es dafür herhalten will oder es überhaupt kann! Was für eine Verantwortung! Was für eine Bürde für so ein kleines Wesen, was selbst genug damit zu tun hat, sich in dieser Welt zurecht zu finden und groß zu werden. Ich beispielsweise bin der Grund aus dem meine Mutter sich nicht mit 30 umgebracht hat… Diese Bürde und Angst, sie doch zu verlieren, trug ich meine gesamte Kindheit in mir. Und ich persönlich finde es grundsätzlich erstmal gut und sinnvoll, wenn man bei solch kranken Eltern ein Auge mit drauf hat, zum Wohl der gesamten Familie.
(Letztlich muss aber jeder selbst wissen, was er tut. Man sollte es auch niemandem vorschreiben! Gutfinden muss ich es allerdings nicht.)

Denn ich hatte keine Chance gesund da raus zu kommen. Und ich bin in guten Kreisen, wie man sagt, aufgewachsen. Wie oft habe ich mir gewünscht, dass mich jemand aus dem Elend befreit, obwohl ich nicht wusste, wo dieses Gefühl von Elend überhaupt her kam. Denn ich war in dem Kreis des Wahnsinns unserer Familie gefangen und blind für die Realität. Aber bei uns kam nie ein Jugendamt vorbei, denn wir waren gut situiert. Nie fragte mal ein Kinderarzt nach, denn es wirkte ja alles geregelt.

Natürlich sollte man nicht jeden Borderliner oder Menschen mit einer psychischen Erkrankung über einen Kamm scheren. Man ist aufgrund einer Erkrankung nicht prinzipiell ein schlechtes Elternteil. Aber psychisch erkrankte Eltern hinterlassen immer Spuren bei ihren Kindern, weshalb ich gerade dann Therapien und auch Eltern-Kind-Therapien so wichtig finde, wenn ein Kind aus welchem Grund auch immer da ist. Eine Eltern-Kind-Therapien sollte meiner Meinung nach in so einer Familiensituation immer Pflicht sein. Und da ist es doch egal, ob es nun um Borderline oder eine andere psychische Erkrankung geht. Elternschaft heißt schließlich Verantwortung zu übernehmen. Und das vor allem für die seelische Gesundheit und Entwicklung des eigenen Kindes. Es sollte daher Hilfe angeboten werden und keine grundsätzliche Vorverurteilung der Eltern aufgrund der Erkrankung stattfinden. Auch da diese dem Kind zusätzlich schaden würde. Schließlich liebt man die Eltern! Immer! Und den Missbrauch der Seele sieht man als Kind nicht.

Es ist ein Schmerz, denn man nicht beschreiben kann, seine Mutter und seinen Vater so leiden zu sehen und machtlos zu versuchen, die eigene Welt stabil und aufrecht zu erhalten. Eine Aufgabe, an der man letztlich zerbricht. Man schreit innerlich und keiner hört es. Man schreit aus Liebe und Verzweiflung, weil man denkt, dass man selbst mit ihnen zerbrechen wird. Und sie dürfen nicht zerbrechen! Nicht die eigenen Eltern! Und man schreit über Jahre immer mehr, bis die Kraft weg ist und man innerlich zerbrochen daliegt.

Meine Meinung ist aus meiner Geschichte entstanden. Es ist meine persönliche Geschichte und kein ulimativer Zustand in solchen Familien. Es kann sicher auch gut gehen. Vielleicht… Ich glaub es aber selber nicht!
Aber ich bin auch seelisch missbraucht worden und das hinterlässt fiese Spuren. Alle sahen es, alle wussten es, keiner half! Und psychischer Missbrauch ist keinesfalls besser als andere Arten des Missbrauchs. Die Folgen sind die Selben, wie man heute weiß.
Und auch wenn ich meine Mutter und auch meinen Vater immer lieben werde, wünsche ich diese Kindheit keinem Kind auf Erden und hoffe für jedes Kind in so einer Situation, dass es einen Retter findet – für sich selbst und die geliebten Eltern. Dass das Trauma ein Ende findet. Und den Eltern geholfen wird. Denn das war damals mein einziger und größter Wunsch. Das Mama gesund wird und Papa nahbarer wird.

Denn jeder Mensch in Not hat Wohlwollen und Unterstützung verdient.

Borderlinemütter – !Meine Wahrheit!

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