Schon allein der Anblick von Kindern und Hunden scheint für viele Menschen einer Aufforderung zum Anfassen oder Anquatschen gleich zu kommen. Tatsächlich musste ich sogar schon die Erfahrung machen, dass einige Leute der Meinung sind ein Anrecht darauf zu haben meinen Hund Anfassen zu dürfen. Ich war aufgrund dieser Reaktion etwas geschockt. Schließlich fasse ich auch nicht ungefragt deren Zeug an.

Is Meins, also meine Regeln!

Und wer sagt überhaupt, dass Nera das automatisch möchte? Nur weil sie süß ist, will sie nicht von jedem begrabscht werden. Diese Regel gilt nicht umsonst schon lange in anderen Bereichen des Lebens!

Vor allem bei Assistenzhunden kommt solch ein unerwünschte Verhalten leider einer Körperverletzung des Assistenznehmers gleich. Da schreckt selbst das Tapezieren des Vierbeiners mit „Nicht Anfassen – Assistenzhund“-Aufdrucken einige Personen nicht ab.

Statt dessen werden dann sogar die eigenen Kinder zum Streicheln des Wauzis aufgefordert. Das ist schließlich ein Assistenzhund und der tut ja nix. Dieser Hund ist daher umso perfekter zum Kinderkuscheln geeignet. Für jeden Assistenznehmer die Hölle auf Erden.

Das ist als wenn man einem mobilitätseingeschränktem Menschen den Rollstuhl unterm Poppes wegklaut.

Aber da viele Einschränkungen nicht sichtbar sind, fehlen die Berührungspunkte für die unwissenden und leider in dem Moment überhaupt nicht mitdenkenden Personen. Also wird der Hund von seiner Arbeit abgehalten und der Assistenznehmer kann schauen wo er bleibt.

Inklusion funktioniert! (Ja, das war tatsächlich mal Sarkasmus von mir. )

Aber dieses Problem, dass plötzlich jegliche Grenze missachtet wird, kennen auch gewordene Eltern sehr gut.

Ich hatte erst vor Kurzem die Idee den Kinderwagen eines befreundeten Pärchens mit dem Patch „Ist bissig!“ zu beschriften. Wahrscheinlich hätte das aber, ähnlich wie bei Nera, den eher gegenteiligen Effekt gehabt. Noch mehr Gesichter über dem hilflosem Baby im Wagen. Aber ob das Baby die fremden Leute mit der Quietschestimme auch so toll findet, sei mal dahin gestellt. Ich glaub ja nicht dran.

Ich nenne das mittlerweile den Ohhw-Faktor. Offensichtlich wird durch den Anblick von süßen Babys und putzigem Getier ein Teil der Vernunft ausgeschaltet und im Gegenzug werden zu viele Kuschelhormone freigesetzt.

Viel Vernunft kann man dem leider seltenst entgegen setzen. Erklärungen laufen fast immer ins Leere, da ich als Besitzerin das Aufmerksamkeitsbedürfnis gegenüber dem Vierbeiner untergraben will.

Bei frisch gebackenen Eltern ist das ähnlich. Dort gehen einige sogar soweit zu unterstellen, dass die Eltern sowieso noch keine Ahnung von ihrem Baby haben können und somit die Grenzüberschreitung sogar automatisch gerechtfertigt ist. Schließlich will man helfen. Und so kann man nebenbei der Neumutti oder dem Neuvati direkt noch sein gesamtes Wissen ungefragt einfiltern.

Aber zurück zu Nera und mir.

Ich weiß dem mittlerweile auch nicht mehr viel entgegen zu setzen. Nur habe ich bemerkt, dass ruhig bleiben tatsächlich die bessere Wahl in so einer Situation ist. Leider haben andere Assistenznehmer da nicht sonderlich die Wahl, denn dort kann eine solche Situation schnell dramatisch werden. Teilweise sogar lebensgefährlich, wenn der Insulinhund abgelenkt wird oder der Warnhund den Epileptiker nicht rechtzeitig Bescheid geben kann, weil er ein fremdes Kind im Gesicht hängen hat.

Vielleicht hilft es ja, wenn ich mir mein Shirt beschrifte anstatt den Hund zu tapezieren.

Wäre zumindest ein Statement und vielleicht abschreckend genug. Man braucht wahrscheinlich nur den richtigen Spruch und ein passendes Outfit.

Ich hoffe sehr, dass in den nächsten Jahren das Thema Assistenzhund in Deutschland mehr Raum bekommt. Es würde vieles leichter machen.

Und vielleicht wird das Thema Grenzen beachten nicht von Autokratischen Parteien propagiert und für rechte Politik genutzt, sondern viel mehr im sozialen und zwischenmenschlichen Bereich gesehen und beachtet. Dort wo es wirklich sinnvoll ist und die Welt bunter und angenehmer macht!

Der Ohhw-Faktor

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