Meine Notbremse heißt Tavor und hat seit einigen Monaten einen festen Platz in meiner Notfalltasche. Ich hatte sie nie benötigt bis zum letzten Freitag.

Freitag war ein einziger Triggertag für mich. An jeder Ecke befand sich etwas, das meine Anspannung zum Explodieren brachte. Und es war niemand in der Klinik, der mir die Ohrakupunktur hätte setzen können. Schon am Donnerstag war ich froh gewesen, dass die Schwester mir den Omega-Entspannungskreis ans Ohr pieksen konnte. Und noch viel mehr, dass mir dieser immer zuverlässig geholfen hat. So auch am Donnerstag, wo ich nur mit Nadeln im Ohr ins Auto nach Hause steigen konnte. Irgendwann sucht nämlich meine aufgebaute innere Energie ihren Weg nach Außen. Aber ich wollte nicht mit dieser Explosionsgefahr nach Hause fahren. Wer weiß, wo meine Anspannung letztlich gelandet wäre.

Aber nun ist diese Schwester seit Freitag im wohlverdienten Urlaub. Und an dem Tag drehte sich mein Karussel seit früh morgens stetig Richtung Exitus.

Ohne Bremse.

Ohne Pause.

Nein, eigentlich schleuderte es mich sogar unaufhaltsam durch die Gegend.

Und ich war müde. So müde und ausgezehrt durch diesen Schleudergang in meiner Amygdala.
Ich konnte nicht mehr und hatte das Gefühl gefangen zu sein. Gefangen in einem Tag ohne Ruhepause oder Geschwindigkeitsbeschränkung. Immer wieder flackerten Themen auf, wie Mütter, Tod, Väter, Traurigkeit und Ausweglosigkeit. Triggerthemen für mich. Gefühle von anderen schwappten über mein Haupt, wie Wellen eines Tsunamis. Ich wusste nicht wohin mit mir und flüchtete schon in der Mittagszeit Richtung Zuhause.

Zu meinem Entstetzen war auch Zuhause nicht an Ruhe zu denken. Auch hier kam immer mehr hinzu, was an mir riss und die Gefühlsfahrt weiter beschleunigte. Als die Wasserflasche meine Verzweiflung und Wut abbekam, zog ich die Bremse. Sonst hätte mein Partner es vielleicht noch abbekommen.

Eigentlich habe ich Angst vor Beruhigungstabletten. Totale Angst, denn das Gefühl, dass etwas Besitz von mir nimmt und den Haltepunkt meines inneren Karussels erzwingt, ist beängstigend. Etwas nimmt mir die Kontrolle, die ich an dem Punkt im Prinzip ja eh nicht mehr habe. Jedoch weiß man ja nicht, ob man dem „Etwas“ vertrauen kann. Wird es mir helfen oder mir schaden? Eine Tablette kann man schlecht danach fragen, ob sie vielleicht eine allergische Reakton oder gar eine Anaphylaxie auslöst. Oder ob sie einen so dumm werden lässt, dass man die Teetasse nicht mehr halten kann, aber glückselig über die Pfütze auf dem Fußboden ist.

Zu meinem Glück war mir die Tavor aber wohlgesonnen und ich habe eine gute Erfahrung machen dürfen. Die Erfahrung einen wirklichen vertrauensvollen Stoppknopf in meiner Tasche mit mir zu führen. Die Erfahrung nicht nur die Teetasse halten zu können, sondern mir sogar den Tee trotz Tablettenwirkung noch eigenständig aufbrühen zu können.

Einen Notfallknopf, der mich nicht vollständig abschaltet und der sogar noch (Dosierungs-)Spielraum nach oben lässt, falls es mal nötig sein.

Eine gute Erfahrung an einem schlechten Tag.

Tag 20/ Notbremse

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