Ich lebe in Phasen. Wahrscheinlich ist das bei jedem anderen auch so. Nur eben nicht so intensiv oder gar so wechselhaft, sprunghaft wie bei mir. Gestern noch ein depressiver Schub, heute Frühlingsgefühle und gute Laune. Kaffee trinken mit Mann und Hund. Ein seltenes Vergnügen, was an den meisten Tagen für Beklemmungen und Panik sorgt.

Diese Phasen hatte ich schon immer. Und gab es eine Zeit ohne Phasen, war sie eine einzige Dissoziation. Wie sollte ich es auch sonst überleben?

Meine Mutter lebte in ihrer eigenen schwarzen Borderlinewelt und bettelte darum, dass ich sie rettete. Was ich 20 Jahre auch tatsächlich versuchte, in der Hoffnung nicht mit ihr zusammen unterzugehen. Mein Vater ein Workaholic, der bis heute gar nicht weiß, wer seine Tochter eigentlich ist. Meine damaligen Mitschüler waren für mich grausame Wesen aus einer anderen Welt, die so viel schöner war als meine. Die ich aber niemals betreten durfte. Ich durfte nur zusehen. Stetig waren sie mit voller Freude dabei mir das Leben so schwer und brutal wie möglich zu machen. Wie Kinder eben so sind, möchte man sagen. Wahrscheinlich waren sie überfordert mit einer Mitschülerin, die so sonderbar war wie ich. Aber wie sollte ich auch normal werden in dieser Welt aus der ich kam und in die ich nach der Schule täglich zurückkehren musste.

Einzig meine Zeit auf Borkum war voller Farben und wunderschön. Ich liebe Borkum. Immer, wenn ich mit Tränen auf den Wangen vom Schiff gehe, ist es als wenn ich nach Hause komme. Das einzige Zuhause was ich als Kind je hatte. Meine Mutter war greifbar, mein Vater eine zeitlang auch. Damals, als ich 3 oder 4 Jahre alt war. Ein Foto aus dieser Zeit halte ich in Ehren als Perle meiner Kindheit. Und dann gab es noch meine Ersatzoma, die mir Frikadellen machte und mir die Teetraditionen der Ostfriesen näher brachte.

Wahrscheinlich liebe ich auch deshalb die Nordsee. Wir haben diese Zeit zusammen erlebt. Und so führe ich mit ihr nun seit 31 Jahren eine heimliche tiefe Liebschaft. Immer wenn ich sie sehe oder rieche ist es als wenn ein verborgener Teil in mir zum Vorschein kommt. Einen Teil, den ich in ihr versteckt habe, damit er nicht auch verloren geht. Damals als ich ein Kind war.

Allerdings geht dieser Teil zurück in sein Versteck, sobald sich unsere Wege trennen. Offensichtlich habe ich eine eigene Ebbe und Flut entwickelt, aber anstatt abhängig vom Mond bin ich es von der Nordsee.

Und dieser versteckte Teil sorgt bei mir eine zeitlang für Stabilität. Meine extrem wechselhaften inneren Phasen werden weniger und ich empfinde einen Anflug von Zufriedenheit in mir.

Oh, würde er doch bleiben und mit mir nach Hause fahren. Aber diese Möglichkeit ist vor langer Zeit mit in der Nordsee verschwunden.

So ist nun die schwierigste aller Aufgaben einen solchen Teil in mir selbst wiederherzustellen. Neu aufzubauen und nicht in die Versuchung zu kommen, ihn in Sicherheit zu bringen. Und morgen werde ich einen weiteren wichtigen Schritt in genau diese Richtung tun. Morgen habe ich meinen ersten Besuch einer Selbsthilfegruppe für Borderline-Patienten.

Phasenweise

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