„Gegen Windmühlen kämpfen“ ist ein bildsprachlicher Gebrauch der impliziert, dass der getätigte Kampf aussichtslos ist. Aber was ist, wenn die einzige Aussicht auf Besserung einer Erkrankung darin liegt, dass man einen derartigen Kampf gewinnt.

Einen derartigen Kampf führt man als Betroffener gegen die Borderline Erkrankung.

Täglich.

Nach fast 20 Jahren therapeutischem Wege habe ich sowohl meine Kindheit zum größten Teil aufgearbeitet als mir auch ein gutes KnowHow zugelegt, was Persönlichkeitsentwicklung, Achtsamkeit, Skills und Reflexionsvermögen angeht. Aber es hilft mir nur bedingt bei meinem Kampf gegen die Gefühlsregulationsstörung. Gegen die gesteigerte Intensität der Gefühle, die auch gerne mal die Kontrolle übernehmen.

Ich fühle mich täglich diesem Gefühlswahnsinn ausgeliefert. Zwar kann ich dank meines Achtsamkeitstrainings mittlerweile von Außen drauf schauen und weiß so ganz gut was da gerade mit mir los ist, aber in vielen Situationen mit anderen Menschen helfen mir Achtsamkeitsübungen oder die Verwendung von Skills nur bedingt weiter. Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn den empfundenen Stress baue ich eben auch viel langsamer ab als es als normal gilt.

Schritt für Schritt muss ich deshalb darum kämpfen meine Gefühle abzumildern oder zu verändern. Das ist Teil der Therapie. Ein „Mach doch mal“ ist das nicht. Mehr ein zäher, träger und kräftezerrender Brei, den man kaum bewegt bekommt.

Es frustriert mich, da ich durch die Klinik täglich damit mehr konfrontiert bin als die letzten Monate. Täglich komme ich mit vielen Triggern in Kontakt oder anspannungserzeugenden Situationen, die bei mir Gefühle auslösen, die ich kaum in den Griff bekomme. Und das schon in normalen Gesprächen. Es entstehen Anspannungszustände im Inneren, die mich fast in den Wahnsinn treiben. Ich zittere fast durchgehend und habe das Gefühl gleich einen Marathon laufen zu müssen. Unruhe, Angst gepaart mit Unsicherheit, Schuld und Selbstverachtung. Ein Teil von mir steht daneben, schreit und will etwas gegen diesen Wahnsinn tun.

Ich will es schaffen, diese Windmühlen aufzuhalten. Ich will an die Steuerkonsole. Auch wenn ich weiß, dass diese niemals vollkommen zu kontrollieren sein wird und sich niemals so regulieren kann wie andere es können. Die Krankheit wird schließlich niemals vollständig verschwinden. Sie ist ein Lebensbegleiter, von dem es keine Scheidung geben kann. Eine Veränderung im Hirn, die auch nach der Therapie noch da ist. Ich muss mit den gesteigerten Gefühlen lernen zu leben, sie zu kontrollieren.

Es ist die Windmühle meines Lebens. Ein Lehrer der härtesten Art ohne Erbarmen oder Verständnis. Und doch kann meine Gefühlswelt viel relaxter und kontrollierter werden. Aber es braucht Zeit, Ausdauer und Übung. Es ist kein Kampf auf Zeit, sondern eine Lebensaufgabe.

Meine Aufgabe.

„Auf geht’s!“ sage ich zu meiner inneren Windmühle. Sie steht dort auf der Wiese bereit für den nächsten Windstoß. Ich zücke mein Schwert. Es funkelt wild im Sonnenlicht. Es ist ein schöner Tag. Ein guter Tag für einen Kampf. Es scheint mir als würde sie zittern. Sie weiß, dass sie nicht gewinnen kann.

Ich bin zu gut vorbereitet.

Zu zäh.

Zu stur.

Ich werde nicht aufgeben, auch wenn es das Letzte ist, was ich tun werde. Ich will die Kontrolle!

Der Wind kommt wieder auf…

Es ist ein guter Tag für einen Sieg!

Tag 16/ Gegen Windmühlen

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