In der Gruppenstunde ist ein Mitpatient heute umgekippt. Der Körper stellte sich auf Off. Zu viel Input, zu viel plötzlich aufkeimenden Schmerzes aufgrund von einzelnen ausgesprochenen Worten. Sowas passiert. Auch einzelne Worte können triggern. Vor allem uns traumatisierte Menschen. Und das ist nicht absehbar. Am Fazit was unsere Seele dann zieht, hat niemand Schuld.

Für mich persönlich war allerdings der Laut, der bei der langsamen Rückkehr des Bewusstseins ins hier und jetzt aus diesem Mund kam, einfach nur schmerzhaft zu hören und zu ertragen. Ich kenne diesen Laut nämlich sehr gut. Diesen erstickten Schrei. Es ist der Schrei meines eigenen inneren Schmerzes. Der Ton der tiefsten Seelenqualen eines traumatisierten Kindes, was nichts kennt außer Hoffnungslosigkeit, Angst und Ablehnung.

Nicht nur, dass ich anderen diesen tiefen Schmerz gerne wegnehmen möchte, damit sie nicht das ertragen müssen, was ich seit so vielen Jahren mit mir herumtrage. Nein, auch mein tiefster Schmerz war wie angezogen von diesem Schrei, diesem Ton der Höllenqualen. Als gäbe es eine magnetische Anziehungskraft zwischen den Qualen des Mitpatienten und meinen. Als ob sie sich vereinen wollten in einem schauderhaften Tanz der unerträglichsten Erinnerungen und Gefühle.

Und dieser Fakt wundert mich nicht, denn das Thema waren tote Eltern. Auch ich war kurz vor dem Trip in meine bekannten dissoziativen Gefilde. Den Ort der Stille, den ich besuche, wenn es bei mir im Kopf und im Herzen zu viel wird und mein Bewusstsein einfach eine Milchglaswand vor die Augen und Ohren zieht, um mich zu schützen.

Der Gedanken an die Schmerzen, die der Verlust meiner Mutter mit sich brachte, ist immer noch so unvorstellbar für mich. Ihr Sterbeprozess dauerte schließlich über 27 Jahre. Meine Mama starb im Prinzip sogar schon seit ihrem 16 Lebensjahr. Dem Jahr, indem ihre Magersucht sich den Platz in der ersten Reihe ihres Lebens sicherte und von dort auch nicht mehr abrückte. So eine tragische und aussichtslose Geschichte kann man als Tochter niemals vollständig überwinden. Und das will man auch gar nicht, denn der Schmerz hat seine volle Berechtigung. Man kann nur lernen damit zu leben.

Allerdings ist diese Erinnerungen untrennbar mit meinen eigenen tragischen Erfahrungen durch meinen seelischen Missbrauch und meine Gewalterfahrungen in der Kindheit verbund. Bei mir kam durch diesen einen Schrei all das kurzzeitig zurück und sprang direkt auf mein Gefühlskarussel.

Und doch bin ich noch da. Ich atme weiter. Ich konnte mit diesen Gefühlen umgehen, denn sie waren nicht so extrem, wie ich es eigentlich erwartet hätte. Diesmal wälzte mich nicht alles vollständig um, sondern nur teilweise.

Offensichtlich habe ich heute die ersten Einzelteile einer „Rückschmerzkopplung“ entwickelt. Und genau die benötige ich. Wieder ein Schritt mehr in mein neues Leben.

Tag 27/ Rückschmerzkopplung

Beitragsnavigation


Kommentar verfassen