Wenn viele Menschen aufeinander treffen, kommt es immer zu Problemen. In meiner zweiten Woche merke ich deutlich die momentanen innergrupplichen Anspannungen. Es gibt immer diese eine Person, die den Platzhirsch gibt und die eine Person, die alle nervt. Ich für meinen Teil will mich darauf nicht einlassen. Jeder hat seine Geschichte und ich weigere mich mittlerweile grundsätzlich dies zu ignorieren und jemanden einfach als schlechten Menschen zu titulieren und in eine Schublade zu stecken. Auch das Wort Schuld kommt schon lange nicht mehr in meinem Wortschatz vor. Außer es geht um organisatorische Angelegenheiten. Aber nicht, wenn es um persönliche Dinge geht. Therapiedinge oder die eigene Lebensgeschichte. Schuld ist für mich ein Wort der Depression, was krank machen kann.

Sogar Schwerverbrecher haben eine Geschichte und sogar oft eine Erkrankung, die für ihr Verhalten nicht unwichtig ist. Dies ist keine Entschuldigung für dieses schlechte Verhalten oder Verbrechen, aber eine Erklärung. Und jeder hat es verdient als Mensch in seiner Gesamtheit gesehen zu werden und genauso das Anrecht sich eine zweite Chance zu verdienen. Solange ich also nicht emotional extrem involviert bin, wie beispielsweise ein Opfer, versuche ich jeden so zu sehen wie er ist und für mich selbst meine benötigten Grenzen zu setzen und auch aufzuzeigen. Solange niemand meine Grenze verletzt ist doch alles gut. Und wenn ich jemanden einfach nicht mag oder es zwischen uns nicht passt, geh ich denjenigen aus dem Weg. Diesbezüglich kann man von Hunden echt viel lernen. Die machen es genau so. Sie benutzen immer eine klare eindeutige und geradlinige Kommunikation. Daher gibt es zwischen Mensch und Hund oft so viele Schwierigkeiten. Wir Menschen kommunizieren oft nicht klar und geradlinig.

Problematisch ist es daher für mich als absoluten Gutmenschen, dass andere diese Sichtweise nicht haben oder es zumindest versuchen. Lieber hinter dem Rücken reden und sich aufregen als ein Problem zum Thema zu machen. Passiv aggressiv scheint besser zu sein als eine Grenze zu setzten oder gar den Versuch einer kurzen Klärung.

Vielleicht wird es in diesem Fall (in der Tagesklinik) nicht funktionieren, jemanden mit einer starken Sicht auf sich selbst und ohne einen Blick für die Bedürfnisse und Erfahrungen anderer zu einer Einsicht und Verhaltensänderung zu bewegen. Aber der Versuch einer zweiten Chance sollte jedem zustehen. Und das Gefühl etwas geklärt oder es zumindest versucht zu haben ist immer besser und stressfreier als der tägliche passiv aggressive Kampf ohne auch nur den Versuch einer klaren und eindeutigen Grenzsetzung.

Sogar die Sicht auf andere Mitmenschen wird durch einen mitfühlenden und reflektierten Blick auf diese eher offener und positiver. Und doch erst recht, wenn man dann noch klar kommuniziert und mal kurz ganz deutlich seine Grenze aufzeigt.

Ich verstehe es nicht. Aber irgendwie bin ich da offenbar anders gepolt … Gutmensch eben.

Tag 8 – Allgemeine Verunsicherung

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