Ich befinde mich in einem Wartezimmer. In mehrererlei Hinsicht. Einerseits warte ich auf eine Besserung meines Gesamtzustandes und meines Lebensumstandes und andererseits auf Einlass in das Arztzimmer meines Pneumologen und Allergologen.

Das Wartezimmer ist voll. Wie immer. Und was ich noch viel verwunderlicher finde ist, dass das Wartezimmer auch schon bis Mitte nächsten Jahres ausgebucht ist. Offensichtlich wartet man hier gerne. Ganz im Gegensatz zu mir, denn volle Wartezimmer sind mir vor allem momentan ein Graus. Meine Panik begleitet mich auch hier her und sie potenziert sich mit jedem neuen Teilnehmer des Warterei-Flashmobs.

Mittlerweile hat mein Puls die 100er Marke überschritten und ich bete nicht nur um Erlösung, sondern auch darum, dass die zwei Plätze rechts und links von mir nicht auch noch besetzt werden. Die älteren Damen, die sich nun aber dazu gesellen, finden meine Sicherheitsabstandsplätze offensichtlich genauso nett und sympathisch wie mich selbst. Ich überlege, ob ich Wartezimmer nicht nur noch in abgerissenen Jeans und stinkenden Pullis betrete, um wenigstens die Panik auf einem Level zu halten. Leider versteht diese Störung nämlich nicht den Unterschied zwischen netten alten Damen und bösen Monstern unterm Bett.

Schweißnasse Hände, ein explodierender Puls und als Topping meldet sich mein Magen-Darm-Bereich. Vor lauter Überforderung und Angst meldet sich aber auch die Dissoziation und verleiht meiner Umgebung den Milchglaseffekt und mir ein Gefühl von Leere und nicht da sein. Nein, Dissoziieren ist leider keine Erholungsmöglichkeit. Ich fühle mich dadurch nur noch ausgelieferter, da jede Aktion den Schweregrad +10 bekommt. Zwar kann ich in diesen Zuständen klar denken, andererseits ist jede Aktion nur noch auf das pure Überleben der gegenwärtigen Situation ausgelegt und das unter der Voraussetzung weder sich selbst noch seine Umgebung voll und ganz mitbekommen oder real wahrnehmen zu können. Es ist so, als wenn man mit Topfhandschuhe an den Händen feinmotorisch arbeiten muss.

Wie vermisse ich Nera, die mir in solchen Situationen ein Anker ist und mir hilft, diese Panik und Dissoziation abzumildern oder zu durchbrechen. Leider ist sie noch in Ausbildung und darf mich so noch nicht überallhin begleiten. Aber genau an diesem für viele Leute simplen Punkt, wäre sie mir eine wahre Rettung.

Zumindest werde ich nun aufgerufen und komme aus der Situation raus, rein in die Nächste. Zwiegespräche sind nämlich noch viel schlimmer als Wartezimmer.

Wartezimmer

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